Nepal, träum ich oder was?
am 15.01.2012 um 14:32 von Matthias Paul
Es sollte nun also Wirklichkeit werden.Das Land meiner Kindheitsträume stand als Ziel fest und auch als einzige Möglichkeit gerade noch rechtzeitig am letzten Tag von Jules indischem Visum diesem Megaland erstmal den Rücken zu kehren. Jule hat in ihrem Blog über ihre und unsere Indien- Erlebnisse noch ein bißchen mehr geschrieben, war ja auch länger da. ;-)
Nach einem Kurzbesuch bei Jules Freunden im heiligen Haridwar und dem benachbarten Touriort Rishikesh und mehreren tagelangen Busfahrten später standen wir also anfang Oktober gerade noch von einem indischen Rikschwafahrer ausgetrickst vor einem großen Tor, welches von zwei halbwegs seriösen Soldaten bewacht werden sollte, die aber keinerlei Anstalten machten uns aufzuhalten – die indisch-nepalesische Grenze ist mal abgesehen von Europa, die unbürokratischste, die ich bis jetzt gesehen habe, was sich als sehr wohltuend nach den letzten Monaten erwies. Für Nepalesen und Inder existiert diese Grenze nur auf dem Papier und ein Ausländer muss halt an eine Tür einer kleinen Hütte pochen um vom Grenzbeamten im Unterhemd, der gerade noch den letzten Bissen des Abendessens hinterschlucken muss sein Visa on arrival zu bekommen ;-)
Im Niemandsland genießen wir schonmal die nepalesischen Vorzüge und genehmigen uns in einem der vielen Alkoholshops unser erstes Radler seit Wochen. Und auch die Nepalesen wirken gleich viel freundlicher, weniger aufdringlich, trotzdem noch schlitzohrig aber eben nett ;-)
Nunja ich dachte mir das Land scheint ersteinmal richtig zu sein, die Reise war wohl nicht mehr das was ich mir vorgestellt hatte... Leh, mein eigentliches Ziel in Nordindien hatte ich wohl nach 2 Wochen im September viel zu schnell wieder verlassen um wirklich etwas für meinen Zimmermannserfahrungsschatz (schönes Wort ;-) mitnehmen zu können. Jule musste visumstechnisch weiter und es gab eigentlich nur zwei wirkliche Alternativen: Überwintern in Leh, denn ausfliegen wollte ich auch nicht wirklich, was ich aber hätte müssen, da die hohen Pässe über den Winter gesperrt sind, und nach nur zwei gemeinsamen Wochen wieder für Monate getrennt sein, oder aber die Zimmerer in Leh erstmal sausen zu lassen und mich auf ein weiteres Abenteuer einzulassen – die Entscheidung fiel zugunsten Letzterem.
Nun hieß es also einen Weg zu finden gemeinsam zureisen, Kompromisse einzugehen, Absprachen einzuhalten, Rücksicht zunehmen auf des anderen Befindlichkeiten, schöne und weniger schöne Momente zuteilen, sich nicht mehr in wilden Gedankenkonstrukten zuverheddern, viel kuscheln und gemeinsam einzuschlafen, Aufgaben zuverteilen kurz gesagt: Die Liebe machts möglich ;-)
Und um diesen Weg zu finden war wohl Nepal, mit seiner Toleranz, seiner Offenheit, seiner Touriprägung genau der richtig Ort. Wir tauchten zuerst in Pokhara unter in einem Hotel, lernten uns bei kurzen Wanderungen und stundenlangen Ruderausflügen auf einem kleinen See ersteinmal neu kennen und lieben. Wir hatten viel nach zu holen und viel zu erzählen über unser Leben, unsere Reise, unsere Träume und Wünsche wie wir uns Zweisamkeit überhaupt vorstellen und wie wir gedenken dies in unsere eigenen Pläne mit einbauen zu können. Es war wohl das erste mal überhaupt, dass wir uns solange so nah sein konnten sowohl physisch als auch psyschich. Nunja nach zwei!! Wochen Pokhara trafen wir dort noch kurz Arndt und Christine, ein rüstiges älteres Pärchen aus der Umgebung von Dresden kommend, die hier drei Jahre Entwicklungshilfe leisten wollen und trampten dann in Richtung Kathmandu.
Drei Tage später kamen wir pünktlich zum hinduistischen Weihnachten, dem Dewalifestival an und konnten noch ein wenig weiter chillen. Dann hieß es aber Vorbereitungen für unsere große Trekkingtour zu machen, denn der Sebastian, ein Freund von Jule, kommt bald aus Berlin angeflogen mit dem wir dazu schon seit einem knappen Jahr verabredet waren im Sargamatha Nationalpark. Wir kaufen also noch ein paar warme Klamotten, checken die Route, buchen den Bus nach Jiri Bazzar, unserem Ausgangspunkt und einer der letzten Orte die über eine Straße erreichbar sind, und gehen schlussendlich zum Flughafen um Sebastian abzuholen. Eigentlich könnte man auch noch nach Lukla mit einer kleinen Propellermaschine fliegen. Die meisten Touries tun dies aufgrund der begrenzten Urlaubes... aber wir wollten ja nicht fliegen... nicht mehr bis mindestens Australien.
Ich versuche die Trekkingtour kurz zu halten, andere haben darüber schon Bücher geschrieben ;-). Nur soviel: Von Jiri ging es erstmal eine Woche durch das grüne Vorgebirge. Hier kamen uns viele völlig gestresste Touries entgegen, die nicht zurück nach Kathmandu fliegen konnten, noch eine paar Tage mehr laufen mussten, da schon seit einer Woche die kleine Landebahn in Lukla wegen Nebel geperrt war. Es ging bis nach Namche Bazzar, dem Hauptumschlagsplatz für die chinesichen Billigwaren im Solukhumbugebiet, wie das Land der Sherpas heißt. Hierher tragen die Tibeter und ihre Yaks das ganze Zeug über den 6.220 m hohen Nangma La Pass, campen auf dem Marktplatz bis alles verkauft ist und trekken dann wieder zurück nach Tibet.
Schon verrückt, sinnierten wir im 3.200 m hohen Namche Bazzar: Seit einer Woche hatten wir weder Auto, Bus noch Motorrad gesehen und dennoch findet man hier alles. Eine Poolbar, Internetcafes, german bakeries, Bier in allen Variationen, alles was man an Ausrüstung in den Bergen so braucht... das kann alles nur superteuer mit dem Hubschrauber eingeflogen worden sein (eher selten), oder aber ein Porter, Yak oder Muli hat sein Rücken dafür krumm gemacht (wie üblich)... aber das war erst der Anfang noch viel skurillerer Geschichten die der seit 40 Jahren touristisch entwickelte Nationalpark um den Mount Everest uns erleben ließ.
So haben wir unsere Höhenakklimatisation in einem ruhigerem Tal absolviert und finden dann plötzlich in einem abgelegenen Dorf in einer Lodge einen Fernseher und schauten abends bis 21:00 (normalerweise sind wir erschöpft vom langen Trekkingtag kurz nach dem essen um 19:00 ins Bett gegangen) den spannenenden Film „The Rainmaker“ auf HBO. So liefern wir uns unfreiwillig einem Wettrennen mit den geguidedeten Truppen und ihren Portern, die mit uns gleichzeitig in Jiri losgelaufen sind und müssen uns auf dem Weg zum Renjo La Pass (5.365 m), einer der schönsten Aussichten auf das ganze Gebiet, von einem Guide anhören warum wir denn so langsam seien, was wir nicht waren ;-). So finden wir uns in Gokyo, einem kleinen Ort bestehend nur aus Lodges und Restaurants plötzlich inmitten einer Gruppe französischer Jogger wieder, die die selbe Tour, wie wir machten in der Hälfte der Zeit – joggend!!!! – natürlich mit Unterstützung von ausreichend Portern und Guides. So beobachten wir in Dzongla nach unserem zweiten 5.000er Pass einen wunderschönen Sonnenuntergang über den AmaDablam, einer der schönsten Berge die ich kenne und müssen dann vor klirrender Kälte vom Schatten der Arakam Tse Nordwand (mein Lieblingsberg) in die superwarm geheizte Lodge flüchten, wo uns, as usual, Pfannkuchen, Spaghetti und ähnliches serviert wird. So kämpfen wir uns schwer atmend in das höchst gelegenste Dorf Gorak Shep (früher war dies das Mt. Everest Basislager) um hier von einer geführten amerikanischen Luxuxtruppe in unserer Lodge empfangen zu werden, die zu zehnt mit neun Yaks und etlichen Portern, die halbe Lodge belegt haben und von der Wärmflasche, über tägliche Wechselwäsche, bishin zum eigenen Heizstrahler alles dabei hatten und schließlich aufgrund von Kopfschmerzen für 7.000!! $ teilweise mit dem Heli ausgeflogen werden.
Ich könnte so endlos weiter schreiben, will aber auch nicht vergessen zu sagen wie schön, beeindrucked wenn nicht atemberaubend in jedem Sinne ;-), lustig, herrausfordernd und alles in allem sehr gelungen diese Tour zu dritt war. Ich denke die Fotos sagen auch mehr als mein Geschwafel ;-) Gern denke ich an diesen Monat zurück und bin Julia und Sebastian sehr dankbar, dass ich das mit ihnen teilen konnte.
Nachdem wir noch Alex, einen lustigen Lehrer aus Augschburg in seinem Sabbatjahr, und André, einen netten Krankenpfleger aus Erfurt trafen, hat uns ersteinmal der Durchfall erwischt und wir gingen den Abstieg vorsichtig an. Man konnte uns die Strapazen (z.B. waren wir 14 Tage ununterbrochen über 4.000 m) inzwischen ansehen, Jule meinte sie hätte 10!! Kilo abgenommen. Sebastian nahm eine dieser Propellermaschinen von Lukla zurück, aber wir beide blieben dabei : Nein, wir wollen nicht fliegen ;-) Zum Abschluss hatten wir noch eine etwas abenteuerliche Fahrt zurück nach Kathmandu. Da war diese Straße auf meiner Karte und ich dachte mir: "Wo eine Straße ist, gibt es auch Autos!!".... Ha, weit gefehlt, ein!! Jeep fährt unregelmäßig, maximal einmal am Tag zwischen Phaplu und Okaldunga und nur wenige Leute wissen davon, geschweige denn wo und wann.
Nachdem wir auch am zweiten Tag diese Möglichkeit verpasst hatten, liefen wir die "Straße" entlang und konnten schließlich auf halsbrecherische Art über die hiesigen Feldwege, äh Straßen, auf der Ladefläche eines LKW's mittrampen bis Okaldunga. Von dort gab es einen Bus bis nach Grummi in 4h – die Straßen wurden nicht besser - wo man zu Fuß über eine Hängebrücke den Fluss überqueren muss (wie sind eigentlich die Busse auf die andere Seite gekommen?) und dann weitere 16(!)h über Nacht – die Straßen wurden immernoch nicht besser bis 30 km vor Kathmandu – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit, die nur knapp zweistellig gewesen sein kann wäre ich mit dem Rad wahrscheinlich nicht viel langsamer gewesen. Ich bewundere sie, die Nepalesen, wie sie dieses beschwerliche, umständliche und für westliche Verhältnisse recht unterentwickelte System (natürlich nur abseits der Touristenpfade, denn nach Jiri war die Straße perfekt) mit viel Humor, Gelassenheit und Improvisationskunst meistern und frage mich warum Deutschland eigentlich noch mehr, noch größere und noch bessere Straßen braucht.
Zurück in Kathmandu hieß es erstmal ausruhen, verloren gegangenes Fett anfressen, Trekkingklamotten wieder verkaufen und dann spricht uns noch Devendra, ein echt netter Trekkingguide an, ob wir nicht noch ein wenig auf einer Ökofarm volunteeren wollen... „Ja, juchuuuu, unbedingt, ich will“ muss es in Jules Herz jubiliert haben und so zögerten wir nicht lange verlängerten nocheinmal unser Nepalvisum, verschoben die Zugfahrt durch Indien und damit Goa nach hinten und fuhren ins nahegelegene Gerkhutar bei Trishuli, ein kleines Dorf auf einem Hügel bewacht von dem alten Königspalast Nuwakot. Es war ein Genuss endlich mal wieder etwas sinnvolles zu tun, willkommener Gast zu sein ohne Tourist sein zu müssen, und wirklich ehrliche und offene Gespräche führen zu können. Wir fühlten uns so wohl, dass wir es fast bereuten, die Zugtickets jetzt schon gebucht zu haben und freuen uns schon auf den Heimweg von Australien, auf dem Gerkuthar wahrscheinlich auch liegen wird. ;-)
Nach einer Woche verabschiedeten wir uns von Ramhari, Ramchandra, und deren Familien, und fuhren über Kathmandu direkt weiter nach Lumbini. Dieser kleine Ort liegt ganz im Süden von Nepal und wird als der Geburtsort Buddha´s verehrt.
Nachdem man den vergessenen Tempel wieder ausgegraben hatte began man in den 1970ern nach den Plänen eines Japaners hier einen überdimensionalen, internationalen heiligen Ort mit dutzenden Klöstern, ein paar Kirchen und sogar eine Moschee, die wir zwar hörten aber nicht sahen, über mehrere Hektar verteilt, zu errichten. Am Heiligabend waren wir da, liehen uns ein paar alte, klapprige, also indische ;-) Fahrräder aus und fuhren durch den mystischen, dicken, weißen Morgennebel und die, wie kleine Farbpunkte hervorstechenden, unendlich vielen Gebetsfahnen. Während mich diese unwirkliche Szenerie ganz schön gepackt hat, war Jule (zurecht) eher nicht so begeistert von den lärmenden Touristen, den hohen Eintrittspreisen in den Haupttempel (nur für Ausländer!!), den lieblos ausgestellten Ausgrabungen, den schlechten bis nicht vorhandenen Ausschilderungen und so fragten wir uns wohin die Förderungen eines Weltkulturerbes eigentlich genau geflossen sind – über die Korruption in Nepal könnte man wohl auch ein Buch schreiben – leider.
Als die Sonne raus kam fuhren wir ans Ende des Geländes zu unserer, nach Leh und Pokhara, dritten Shanti Stupa. Diese weißen, buddhistischen Tempel sind über die ganze Welt verteilt inzwischen wohl so 80 an der Zahl und wurden ebenfalls von einem Japaner mit dem Namen Kenzo Tange gefördert zum Gedenken an die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki, wo auch die ersten beiden Friedenstempel, wie man Shanti Stupa vielleicht übersetzen könnte, stehen. Der Tag wurde freundlicher, lehrreicher, nachdem wir auch noch das Lumbinimuseum besucht hatten und schließlich sogar richtig schön, als wir den Abend in ein etwas teureres Hotelzimmer mit Badewanne eincheckten und schließlich sogar bei einem Bier mit einem traumhaften Sonnuntergang über der Hotelterasse belohnt wurden.
Dies war nun also Nepal, dachte ich mir als wir am nächsten Tag nach zweieinhalb Monaten ebenso unbürokratisch das Land verließen, wie wir es betreten hatten und uns plötzlich im indischen Lärm wiederfanden. Das Land meiner Kindheitsträume hatte mit Sicherheit viel zu bieten. Manche Träume wurden war, manche Erwartungen übertroffen, andere zerstört. Das ist warscheinlich das Schicksal von Traumländern, das immernur die „schönen“ Bilder zuhause ankommen und auch ich habe mich schon wieder dabei ertappt nur die „schönen“ Motive fotografiert zu haben. Versteht mich nicht falsch. Nepal ist immernoch mein Traumland, hat immernoch die schönsten Berge auf der Welt und eine der gastfreundlichsten (vielleicht nach dem Iran und er Türkei ;-) und nettesten Menschen, die mir bisher begegnet sind. Die Schattenseiten dieses an Touristen reichen Landes – ist ja logisch in das Traumland will schließßlich jeder – Müll, wohin man schaut, die Korruption, die bettelnden Menschen, die gar nicht betteln müssten und anderem Ähnlichen, wobei ich die landwirtschaftliche, aus westlicher Sicht rückständige Wirtschaft bewusst nicht hinzuzähle, sind erwähnenswert aber nicht überbordend, kurz gesagt: schaut es euch selber an ich komme auf jeden Fall wieder her ;)
In diesem Sinne ein gesundes Neues Jahr
Euer Matze
Auf der Seidenstrasse geht es weiter - und Tadschikistan faengt auch mit 'T' an
am 01.10.2011 um 17:55 von Matthias Paul
Es ist nicht Tibet, aber die Berge hier sind ähnlich hoch. Vom Pamirgebirge umringt liegt im Süden Tadschikistans direkt an der Grenze zu Afghanistan das 30000-Seelen Örtchen Khorog, die Hauptstadt der autonomen Republik ‚Berg Badakshan‘ .
Jene Stadt die einst mal im sowjetischen ‚Wer wird Millionär‘ gesucht wurde als einzige Provinzhaupstadt mit nur einer Ampel. Ein perfekter Treffpunkt, wie ich feststellen konnte, denn so verabredete ich mich des öfteren dort mit den Worten: „Wir sehen uns an der Ampel“.
Um es gleich vorweg zunehmen, bis hierhin hat mich das Fahrrad getragen. Schlappe 7500km sind es geworden. Ok das ist nicht Tibet. Böse Zungen könnten sagen „Jaja der Matze ist wieder an seiner großen Klappe gescheitert ;-)“. Aber he, Tadschikistan fängt auch mit ‚T‘ an. Ich bin bis zu den hohen Bergen gekommen (das Pamirgebirge kann auch einige 7000er aufweisen) und eigentlich hat mich auch nur die Bürokratie davon abgehalten weiter zu fahren. Aber ich beginne ersteinmal von Usbekistan zu erzählen.
Usbekistan war doch nicht ganz so paradiesisch wie es mir am ersten abend erschien. Schon beim Frühstück am nächsten Morgen wurde ich, den Wechselkurs immernoch nicht wissend, mächtig übers Ohr gehauen. Fünf!!! Stutz für zwei Flaschen Wasser, ein Joghurt und nen Kaffee ist für dieses Land einfach zuviel. Langsam, noch recht erschöpft von meinem Turkmenistanabenteuer, schob mich der Rückenwind richtung Bukara, eine der historisch bedeutendsten Städte Zentralasiens. Schon gegen Mittag hatte ich die 80km geschafft, steuerte den ersten Biergarten an und genehmigte mir ein Eis.
Während der Fahrt durch Turkmenistan stellte ich mir immerwieder ein tolles 4* Hotel vor mit Sauna, Schwimmbad, Frühstück, Abendessen, tollem Bett usw. koste es was es wolle und konnte mich dadurch auch über weite Strecken selbst motivieren. Doch hier angekommen siegte doch wieder die Vernunft und ich checkte in ein doch schon besseres aber auch bezahlbares Hotel ein. Immerhin gab es eine Dusche (das ist nicht mehr selbstverständlich hier) und ein essbares Frühstück ;-)
Den ersten Tag hab ich fast nur geschlafen, den zweiten Tag gebloggt und versucht einen Geldautomaten zu finden. Ersteres war schnell erledigt, denn Turkmenistan musste einfach raus aus dem Kopf;-) Letzteres war nicht von Erfolg gekroent. Ich war jedoch verdammt dazu irgendwoher Bargeld zu bekommen, denn ich hatte keines mehr (seit der Tuerkei gabs keine Geldautomaten mehr) und hier ist nur Bares Wahres ;-)
Nach langem Suchen konnte ich in der Nationalbank von einem Office zum Naechsten hastend, krasse Buerokratie!!!, mich doch noch ausreichend eindecken für die nächsten Wochen und auch das Hotel bezahlen. Im Internetcafe hab ich zufällig Talan wieder getroffen, der das meiste bis hierher getrampt war, mir von seinen Turkmenistanabenteuern erzählte und ich ihm von meinen. Für das letzte Schach war ich zu müde und wir verschoben es auf Silvester in Goa am Strand.
Nach zwei Tagen Bukara ging es schon weiter auf dem schnellsten Weg Richtung Tadschikistan und Vier Tage, 550km, einen weiteren 2000er Pass und ein ziemlich übler Durchfall später landete ich auch schon in Dushanbe, der Hauptstadt dieses Landes. Dort hab ich mich nochmal zwei Tage ausgeruht und dann langsam angefangen einen Plan für die letzte Etappe zu schmieden: Es war bereits der September hereingebrochen, ich wollte noch in Korogh arbeiten (die Option ergab sich kurz vor meiner Abfahrt in Freiburg als mir über mehere Ecken die Adresse dort zu gespielt wurde;-), ich wollte noch im September in Leh/Ladakh (dem indischen Teil Tibets) ankommen um dort auch noch arbeiten zu können und ich hatte noch keine Visa für China, Kirgistan, Pakistan und Indien. Mir wurde plötzlich klar die geplante Route über den Pamirhighway und Kirgistan nach Kashgar in China und dann weiter den Karakorumhighway nach Pakistan dann über Islamabad noch weiter in den Süden nach Lahore, dem einzigen Grenzübergang nach Indien und auf der anderen Seite der Grenze wieder in den Norden nach Leh war sowohl mit dem Rad oder sogar mit sonst einem anderen Verkehrsmittel vor dem Winter einfach nicht zuschaffen.
Wat Nun? Wat soll schon sein? ein neuer Plan musste her. Über Afghanistan direkt nach Pakistan ist eine Abkürzung von vielleicht 1000km. Ich dachte darüber nach, auch weil mich Afghanistan, jenes Land, das jeder kennt aber niemand wirklich etwas darüber weiß, wirklich reizte. Dafür brauchte ich auch nur noch das ziemlich einfach zu bekommende afghanische Visum und das pakistanische. Also nix wie zur pakistanischen Botschaft. Die nette Dame im Empfang erklaerte mir es wäre eher unüblich hier für Ausländer Visen auszustellen und würde wohl mindestens zwei Wochen in Anspruch nehmen....... zwei Wochen warten hier in Tadschikistan? Während das Damoklesschwert des Winters jeden weiteren Tag des Verweilens über mir schwebte? Die Visabürokratie ging mir ziemlich auf die Nerven. Statt Tag für Tag meinem Ziel näher pedalieren zu können, sollte ich mich abermals nach Erzurum und Tehran mit sich wichtig nehmenden Konsulatsbeamten und völlig irrsinnigen Visabestimmungen herumschlagen?................ Dieser Plan war also auch nicht der Richtige.
Der Zeitpunkt war gekommen Tatsachen anzuerkennen. Die letzte Möglichkeit dem ganzen Schnickschnack aus dem Weg zu gehen, sah ich darin doch noch in eines dieser schrecklich lauten, stickenden Monstren einzusteigen und einfach darüber hinweg zufliegen. Gedacht, getan, am selben Tag den Flug nach Dehli für in zwei Wochen gebucht, indisches Visum beantragt und die Sondergenehmigung für das autonome Gebiet im Pamir gekauft und am nächsten Tag startete ich wohl auf meine letzte Fahrrad-Etappe 600km richtung Khorogh.
Was nun kam sollte das bis dahin spannendste, abenteuerlichste, anstrengendste, beeindruckendste Stück der ganzen Tour werden. 600km durch spektakuläre Felslandschaften, fast ausschliesslich Schotterpiste die man sich mit chinesischen und russischen Lkw’s, mit unzähligen Jeeps, mit kleinen Toyota-minibussen und auch mit Privatwagen (von der S-Klasse, über den normalen Mittelklassewagen bis zum Oldtimer) teilen musste. Bergauf kämpfte ich mich mit 3-5km/h im kleinsten Gang immer darauf bedacht nicht aus Versehen stehen zu bleiben, bergab hieß es bei 10km/h – maximal (sehr selten)20km/h den Lenker fest zuhalten als ginge es um Leben oder Tod, denn es ging um Leben oder Tod wie die zahlreichen Mahnmale am Straßenrandabgrund immer wieder verdeutlichten ;-)
Unterwegs traf ich noch einige Gleichgesinnte (von Australien kommend richtung Europa), was mir wie vermutet zeigte, der Pamirhighway ist das Mekka eines jeden Fernradlers. Nach 2,5 Tagen hatte ich auf der Hälfte den einzigen Pass zwischen Dushanbe und Khorogh und gleichzeitig den höchsten Punkt(3200m) meiner Tour erreicht. Eine kurze Rast, das letzte critical mass foto geschossen und weiter gings. Nach sechs Tagen war ich in eben jenem oben beschriebenen Khorogh.
Die Adresse stellte sich als das örtliche GIZ- Büro heraus. Die Leute empfingen mich herzlich, gaben mir Kost, Logie, Schniegelei, einen kleinen Einblick in die örtliche Arbeits- und Lebensweise, ein späteres Taxi zurück nach Dushanbe und eine Reperatur meiner Hose. Ich stellte mich der Aufgabe ein Dachflächenfenster ohne Sicherheitsglas zu bauen und einigermaßen dicht in das vorhandene Blechdach einzubinden.......... Hm der Langzeittest läuft noch ;-)
Außerdem wollte ich hier noch meinem Fahrrad einen Zweck geben, und mein Gepäck wieder auf ein tragbares Maß reduzieren. Das Rad ist jetzt wohl das projektrad der hießigen GIZ- gruppe. Die ortlieb Taschen sind verkauft, die Kochutensilien radeln mit Adam
weiter nach Neuseeland bzw dienen meinem Host zur Verbesserung der, vorsichtig ausgedrückt, eintönigen tadschikischen Küche, ein paar Teile dienen den immerwieder irgendwo in der Welt über meinen Weg fahrenden Schweizern, Tim und Andi
und ein Pullover und eine Jogginghose wärmt den Talan im kommenden kalten chinesischen Winter ;-)
Nach genau 17 Tagen Tadschikistan, mit dem Versprechen definitiv wiederzukommen im Gepäck, das Fahrrad in guten Haenden wissend und einem neuen spannenden Land, einem neuem Abenteuer entgegenblickend stieg ich schliesslich in Dushanbe in den Flieger um genau 4 Flugstunden später in der Hauptstadt Indiens wieder aussteigen zu können.
Der letzte Tag in Turkmenistan
am 01.09.2011 um 18:59 von Matthias Paul
Es sollte ein gemuetlicher Tag werden, dieser Montag, der 22.08.2011, dachte ich mir. Dafuer wollte ich einen Tag vorher nochmal 200km rocken bis kurz vor Turkmenabat, die Grenzstadt zu Usbekistan um dann am letzten Tag meines 5-Tages-Transitvisums ganz gemuetlich bis zur Grenze zu rollen - 20/30km Tagessoll klingt doch ganz entspannt oder? Es kam wie es kommen musste, die Wueste ist erbarmungslos, der Gegenwind motivationsraubend, aber das ist eine andere Geschichte, die Dunkelheit brach bereits bei 160km herein und ich fand Unterschlupf in einer Art Eisenbahnarbeiterquartier. Dort wohnten drei Familien, ein paar Katzen, eine Huendin und ihr Welpe und ein paar Huehner. Wir teilten uns das letzte Lemonbier, sie gaben mir Spiegelei mit Zwiebeln zu essen und den besten Cay meines Lebens - gruener Tee gesuesst mit gezuckerter Kondensmilch - genau das was meine ausgetrocknete Kehle brauchte. Unter fantastischem Sternenhimmel schliefen wir ein, nicht ohne dass sie mir noch erzaehlen mussten das sie gestern noch eine Schlange aus dem Ofen holen mussten ;-)
Morgens um sieben mussten die Maenner ins Gleisbett arbeiten, ich bekam nochmal Eier mit Brot, wir schossen ein Abschiedsfoto und gegen acht brach ich auf Richtung Grenze. Ich bekam noch eine Kilometerangabe mit auf den Weg: 45km bis Turkmenabat, das glaubte ich, entsprach auch so etwa meinen Berechnungen und 200km bis zur Grenze, das glaubte ich nicht, da meinten sie wohl eher die naechste Stadt Bukara.
So fuhr ich in recht beschaulichem (was weder die Qualen meines geschundenen Hinterns, denn ja ich bin immernoch ohne Radhose unterwegs, noch die des Kampfes gegen die Hitze und den wahnsinnigen Gegenwind beschreibt, sondern einfach nur die erhebliche Geschwindigkeit von vielleicht 12-15km/h) die letzten 45km Wueste, so hoffte ich........
Die Sonne stieg, es wurde heisser und heisser und nach jeder erklommenen Duene immerwieder dasselbe Bild von der naechsten und uebernaechsten Duene.
Die erste Raststation erreichte ich gegen gegen 10Uhr und nutzte sie fuer ein kuehles Getraenk. Leider ist es in diesen Breiten nicht mehr ueblich Cola, Limonade oder Bier glasweise zu verkaufen. So kann man im Gluecksfall eine kleine Dose oder eine kleine 0,5l-Flasche ergattern, meist muss man aber 1,5l-2,0l Flaschen kaufen. Mitnehmen steht nicht zur Debatte, da nach einer halben Stunde die Cola ca 40 Grad Celcius warm waere und keine Kohlensaeure mehr haette und damit eher weniger der Erfrischung beitraegt denn der Uebelkeit ;-) So gewoente ich mir an meine Pausen so lang zu gestalten, bis ich denn die 1,5l Flasche geleert habe.
Gegen 10.30 ging die Tortur weiter. Ploetzlich ein Auto, ein Lexus, am Strassenrand. Ich sehe nur fluechtig im Vorbeifahren die Wodkaflasche in der Hand eines der wohlgenaehrten, aelteren Herren, gruesse freundlich und sehe zu, dass ich Land gewinne. Da hoere ich hinter mir:"Cay,cay, hello, hello, cay, cay" "OK, einen Cay kann meine trockene Kehle gut gebrauchen" denke ich mir, drehe um und aus irgendeinem Grund glaube ich genug Zeit zu haben. Ich versuche recht locker zu wirken, trotz meines schmerzenden Hinterteils. Es wird ein Topf voll mit Rindfleisch und Fett aus einer Kuehltasche gezaubert und so bekomme ich mitten in der Wueste, am Strassenrand, im Schatten der Kofferraumklappe mein zweites Fruehstueck, bestehend aus eben jenem Rindsfett, Brot, Tomaten, Cay aus der Thermoskanne und schliesslich doch noch zwei Wodka ;-) Man kommt ins Gespraech im tuerkisch-, englisch-, deutsch-, Zeichensprachenmix. Schliesslich noch ein Kraeftemessen beim Stemmen meines 40-kilo-Rades, und nachdem der mutigere der beiden klaeglich scheiterte, als er meinen Drahtesel reiten wollte, glaubte man mir doch, dass ich wohl kraeftiger sein muesse als ich aussehe und nicht mehr soviel Fett essen muesse.
Gegen 11Uhr kam ich weiter. Daselbe Bild wie seit fuenf Tagen. Brutaler Gegenwind, Hitze, und eine Duene nach der anderen ohne wirklich absehbares Ende.
ENDLICH kurz vor 12Uhr, ich bin gerade dabei meine 200km-Marke von gestern zu knacken taucht am Horizont soetwas wie eine Industrieanlage auf. Turkmenabat? Hab ichs schon geschafft? Ich sehe von weitem eines dieser monstroesen, gemauerten Ortseingangsschilder, oder sollen das Stadttore sein?
Ja es ist Turkmenabat. Es ist erst mittag und ich habe gehoert der Grenzuebergang ist bis 16Uhr geoeffnet. Genug Zeit also, denke ich, das Ende der Wueste mit einer weiteren Cola-Pause zu zelebrieren, die Raststaette direkt neben diesem Stadttor bietet Gelegenheit dazu. Es ist eines dieser vielen Etablisments hier in Turkmenistan, welches komplett von recht offensichtlich aufgehuebchten Frauen gefuehrt wird und wohl nicht nur Essen und Trinken anbietet ;-)
Ich trinke wieder eine 1,5l-Cola komme ins Gespraech mit einem tuerkischen Trucker, der ziemlich gut Englisch und sogar ein wenig deutsch spricht. Er erzaehlt mir, er fahre oft nach Deutschland, Berlin, Magdeburg, Essen und Dortmund sind immer seine Stationen.
Bis zur Usbekischen Grenze sind es wohl noch 40km und die Turkmenen schliessen ab 17Uhr. Wir plaudern und quatschen, schiessen Fotos mit der huebschesten der Maedchen und tauschen noch Facebook-adressen aus.
Um eins schliesslich schaffe ich es mich loszueisen - noch 4h fuer 40km, wenn das alles so stimmt was der Trucker mir gesagt hat, da darf nicht mehr viel schief gehen.
Ich fahre also durchs Stadttor, die Landschaft aendert sich allerdings nicht, abgesehen von den Industriebauten rechts und links, bleibt es wuestenartig und auch der Gegenwind bleibt erhalten. Langsam wird die Strasse schlechter, die Schlagloecher und Asphaltwulste haeufen sich wieder, dass kannte ich schon von den ersten Tagen in diesem land und muss ein anderes Mal erzaehlt werden. Nur eines sei gesagt dazu. Meine hinteren Gepaeckttaschen verlieren seit ein paar Tagen langsam ihren Halt. Eine ist schon nur noch mit Kabelbindern befestigt, weil die Klickverschluesse abgebrochen sind, die andere kommt bei jedem groesseren Schlagloch in die Speichen und verursacht ein boesartiges Geraeusch - KLONK.
13.20 Ich bin wohl jetzt wirklich am Eingang der Stadt angekommen. Eine groessere Kreuzung zweier Autobahn-Feldwege (teils aspahltiert, teils sieht man die Strasse nicht vor Schlagloechern - KLONK,KLONK) Jetzt bloss keinen Fehler mehr machen. Ich halte ein auto an:"Usbekistan Hranica?" frage ich. Er deutet in die Richtung eines Feldweges. "Kac Kilometre?" (Wie weit?) frage ich "yedi" (sieben) - das waere nah, und noch keine 40km, wie der Trucker mir sagte. Zur Sicherheit und aus Erfahrung frage ich einen weiteren Passanten. Er deutet in dieselbe Richtung. "kac kilometre?" "on sekiz" (18). Hm, ok soetwas hatte ich erwartet, zumindest die Richtung scheint zu stimmen.
Die Strasse wird immer schlimmer und die laut hupenden 40t-Trucker quaelen sich durch bis zu 5m grosse Krater. Das ganze befindet sich aber nicht mehr irgendwo in der Wueste, Nein rechts und links dieser Staubschleuder einer Strasse wird gewohnt, verkauft, gelebt und sogar gegaertnert.
13.30 ich frage zur Sicherheit noch einen Passanten und er deutet wieder in die Richtung in die ich fahre. "Kac kilometre?" "elli" (50). Ich frage nocheinmal nach, er schreibt eine 50 in den Sand. Ich hetze weiter - noch 3,5h bis die Grenze schliesst nach meinen aelteren Informationen nur noch 2,5h und ich kaempfe mit ca. 12km/h gegen die Schlaglochpiste - KLONK - Scheisse schon wieder eins erwischt.
Ich halte ein Auto an um nochmal nachzufragen. Der Fahrer spricht ein wenig englisch. Die Richtung scheint tatsaechlich zu stimmen er kann sich jedoch nicht so richtig festlegen wie weit und seine Angaben differieren zwischen 15km und 25km. Ich schildere ihm mein Problem in der Hoffnung ein Stueck mitgenommen zu werden, stosse dabei aber auf taube Ohren - mein Rad ist wohl zu dreckig fuer sein Auto. Er fragt mich noch wie schnell ich sein kann mit dem Fahrrad, ich antworte bei dieser Strasse wahrscheinlich nicht schneller als 10km/h "dont worry the road become better" antwortet er und braust davon.
13.50 Gerade konnte ich recht unfreundlich zwei radfahrende Jungens, neben mir herfahrend, mich irgendetwas fragend (wahrscheinlich wollten sie wieder ein Foto von mir machen) abwimmeln, da kommt schon der naechste kleine Junge angerannt. Er schafft 100m neben mir zu bleiben. Dann halten wir an einem dieser tollen, kleinen Limonadenstaende an denen Konzentrat mit Sprudel gemischt wird und glasweise!!! verkauft wird - manchmal wirklich ein Segen :-) Der Junge ist ca. 12, spricht englisch und tuerkisch, gibt mir eine Kiwilimo aus und versteht sofort, als ich ihm in englisch erklaere, dass ich keine Zeit habe. Kurzes Haendeschuetteln, bedanken, weiterfahren, er zeigt auf meinen Zollstock, ich schenke ihn ihm.
14.05 Ich halte nicht mehr an um meine Trinkflasche aufzufuellen, sondern trinke direkt aus meiner 1,5l- Reservepulle. Das macht mich fuer einige 100m deckelabschraubend-pulleansetzend-deckelaufschraubend, einhaendig fahrend immer etwas eingeschraenkt manoevrierfaehig - KLONK - schon wieder einem grossen Buckel nicht ausweichen koennen und jedesmal hoert es sich so an als ob die Speiche gleich reisst.
14.10 eine T-Kreuzung, ich winke ein Auto heran. Ohne hinzuschauen hoere ich hinter mir mindestens 10-15 Kinderstimmen aufschreien "Americani, Americani, Tourist, Tourist, Hello, Hello". Den Autofahrer frage ich nach Usbekistan. Er deutet nach rechts. "Kac Kilometre?" Die Antwort ist auf russisch, die Kinder uebersetzen "One, one". Ohne mich zu bedanken und nochmal umzudrehen rase ich weiter. Die Strasse ist ploetzlich richtig gut, einer europaeischen Ausfallstrasse ebenbuertige Asphaltpiste, hatte man mich doch fehlgeleitet ueber diese Feldwege? - Nein, das kann nicht sein die ganzen Trucker haben sich ja auch dort entlang gequaelt.
14.30 Ich komme aus der Stadt raus. Der Gegenwind blaest wieder. Ein Kreisverkehr vor mir und ich frage einen Passanten "Kac Kilometre?" "Yirmi" (20) Ich frage nocheinmal nach weil ich in der Ferne so etwas wie eine Grenzanlage entdecke. Er versichert mir es seien 20 und das dort sei noch nicht die Grenze.
Es ist eine Art Vorgrenze. Die Soldaten kontrollieren meinen Pass, wollen Smalltalk mit mir fuehren, woher, wohin, wieso mit dem Rad, wofuer der Hammer am Rad usw. Ich versuche ruhig zu bleiben, antworte kurz und buendig und fahre schliesslich weiter. Es geht jetzt ueber den Amu Darja, jener Fluss der seit 40 Jahren immer kuerzer wird und sein urspruenliches Ziel, den Aralsee schon um gute 300km verfehlt. Hier in Turkmenabat ist er noch ziemlich gross und die Bruecke besteht aus einer ca. 2km langen, auf dem Fluss schwimmenden Potonbruecke, ueber die der komplette Transitverkehr rollt. Es geht durch kleinere Ortschaften weiter.
15.00 Ich nehme meinen Kopf nach oben und sehe schon von weitem die Uniform am linken Strassenrand, tue so als haette ich den Polizisten nicht gesehen, doch er pfeift mich ran, nicht um mich zu kontrollieren, wie ich feststellen muss, sondern nur fuer smalltalk. - Scheisse man keine Zeit. Ich deute auf meine nicht vorhandene Armbanduhr, sage auf tuerkisch, dass die Grenze um fuenf zumacht und es noch 20km bis dorthin sind und fahre ohne weitere Erklaerungen weiter.
15.20 Wieder nehme ich meinen Kopf nach oben und sinniere ueber die Richtung in die ich eigentlich gerade fahre. Stelle fest, dass seit geraumer Zeit die Sonne direkt frontal oder rechts neben mir stand - verdammte Scheisse, ich bin also entweder nach Westen oder sogar suedlich gefahren, die Grenze muesste aber im Norden sein, denke ich. - Zumindest hatte ich Rueckenwind ;-)
15.30 an der naechsten kreuzung halte ich nochmal ein Auto an um zu fragen, es ist ein Taxi und die Richtung scheint seltsamerweise auch noch zu stimmen, dessen bin ich mir sicher als mich abermals ein iranischer 40tonner ueberholt, der sicher nicht in die turkmenische Pampa will. Ich frage einen Passanten "Kac kilometre?" "on dokuz" (19).
15.40 Die Strasse ist gut, ich fahre immernoch Richtung suedwest (laut Sonne), habe Rueckenwind und bin im Stande mit 27km/h zu duesen - KLONK, der Schlag ist so heftig, dass sich die Klickverschluesse loesen, die Tasche liegt auf der Strasse, ich schaffe es geradeso ohne Sturz im Strassengraben anzuhalten. Ich drehe mich um und sehe noch wie der naechste 40tonner haarscharf die Tasche streift............................ SCHEISSE, bruelle ich in den Wind und kicke die Tasche von der Strasse. Bis um Vier zur Grenze ist wohl nicht mehr zu schaffen, denke ich, trinke ersteinmal etwas 40grad warmes Wasser, fuelle meine Trinkflasche auf, hoffe das die Angabe des tuerkischen Truckers von heut mittag, die Grenze schliesse erst um 17uhr, stimmt und nicht die Info aus dem Internet (16uhr) und versuche etwas runterzukommen. Nach 10min hab ich die Tasche wieder befestigt, die Klickverschluesse gehen zur Not noch und den Rest machen ein paar Kabelbinder, und fahre weiter.
16.00 Ich habe mich gerade ueber eine Bruecke eines groesseren flusses gequaelt und denke noch 'seltsame Richtung', als mich ein Auto anhaelt und sie mir erklaeren ich haette direkt vor der Bruecke links abbiegen muessen - DANKE, die koennen sich gar nicht vorstellen, vor was fuer einem schwerwiegenden Fehler die mich gerade bewahrt haben. Ich frage noch wie weit es ist "yedi" (sieben). Beim Zurueckfahren hupen mich noch zwei weitere Autos an und deuten in die Richtung jener Abbiegung, scheint also zu stimmen. Es geht jetzt Richtung Norden, noch 7km, es ist wieder wuestenartig, der Wind blaest mir wieder heftig entgegen ich schaffe nicht mehr als 12km/h und habe noch 50min bis 17uhr.
16.35 die 7km sind geschafft, weit und breit keine Grenze zu sehen, nur Wueste. Ein junger Hirte kommte mir auf dem Fahrrad entgegen und ruft mir freudestrahlend "Salam" (Hallo) entgegen. Ich schreie verzweifelt gegen den Wind "Hranica nerede?" (Grenze wo?) er deutet in meine Richtung "Kac kilometre?" "uec" (drei).
16.40 Der Wind blaest so heftig, dass sich schon kleine Sandduenen auf der Fahrbahn bilden, die Grenze ist in Sicht ich kaempfe mich den letzten Kilometer. Aus rechts und links parkenden Autos hoere ich "money change, dollar change, change, change" - Scheisse das muss ich ja eigentlich auch noch machen; nee erstmal ueber sie Grenze! Ein Auto kommt mir entgegen, versperrt mir den Weg auch sie wollen mit mir Geld tauschen und verstehen einfach nicht dass es viel wichtiger ist rueber zu kommen als, das verdammte Geld.
16.50 Vor dem geschlossenen Tor ist eine riesige Menschentraube. Vielleicht 100-200 Leute. Die eine Haelfte davon will mit mir Geld tauschen, die andere Haelfte diskutiert mit den Grenzposten reingelassen zu werden. Ich halte nicht mehr an, wedel nur noch wild mit dem Arm, dass sie zur Seite gehen sollen. Das Tor geht auf, da gerade ein LkW herauskommt. Ich schluepfe hinein. Zeige den Beamten meinen Pass. Sie nicken und deuten in die Richtung des Grenz-und Zollterminals. Auch vor der Tuer eine Menschentraube. Ein Beamter macht mir den Weg frei und ich kann mitsamt meines Rades hinein. Drinnen ist ebenfalls alles voller Menschen, wildes Getoese, alle wollen sie heute noch nach Usbekistan. Die Stimmung ist aufgeheizt. Ein Beamter versucht in die Traube vor dem Schalter Ordnung zu bringen und kann mit Muehe fuer ein paar Minuten eine Art 2er-Reihe aufrechterhalten.
Mir ist uebel, meine Knie zittern, ich hab ewig nichts mehr gegessen, viel zu wenig getrunken, es sind doch noch 100km bis hierher geworden..... wie in Trance stehe ich voellig unbeteiligt neben den wild gestikulierenden, diskutierenden Menschen, nicht im Stande irgendeine Interaktion mit irgendjemandem zu fuehren. Ich bleibe an die Wand gelehnt stehen und hoffe das irgendetwas schon passieren wird, mir irgendjemand schon sagen wird was zu tun ist.
Nach ein paar Minuten kommt tatsaechlich, wahrscheinlich dank meines Scheiss-Europaer-Bonus, ein englisch sprechender Beamter auf mich zu, erklaert mir ich solle doch lieber draussen warten, nimmt meinen Pass und begleitet mich durch die Menschen nach draussen.
17.22 halte ich meinen Pass mit dem korrektem turkmenischem Ausreisestempel in den Haenden
Voellig leer und wie in Trance fahre ich durchs Niemandsland nach Usbekistan. Im Terminal fragen sie mich irgendetwas, ich bin nicht faehig es aus dem Stimmengewirr herauszufiltern und muss ziemlich verwirrt dreinschauen. Beim zweiten Mal hoere ich nur noch "Medical problems?" heraus. "No, Nothing" versuche ich mit einigermassen fester Stimme zu sagen, waehrend mir kotzuebel ist und meine KNie zittern. "No Diarrhea, No Temperature?" fragen sie nach. "No, Nothing". Sie messen mit einem Express-Thermometer Fieber - 35,6 Grad........... PUH!!!!!
Ich will schon weiter fahren, da werd ich wieder zurueck gepfiffen - Achja die Deklaration fehlt ja auch noch. Ich brauche gefuehlte 20 min fuer die paar Fragen, muss sie mir mehrmals durchlesen um sie zu verstehen und das ganze dann noch in das russ. sprachige Formular uebertragen.
Vor dem Terminal warten noch die schwarzmarkt-Geldwechsler auf mich. Weit und breit kein offiziel-aussehendes Office in Sicht und ich hab natuerlich mal wieder keine Ahnung vom Kurs. Naja soviel uebers Ohr hauen werden sie mich schon nicht hauen, dass meine letzten umgerechnet 30 stutz nicht mehr reichen fuer ein Fruehstueck morgen oder gar ein Abendessen heut abend wenn ich noch irgendwo vorbeikomme, denke ich. Ein bisschen Kopfrechnen steht dennoch auf dem Programm, denn selbst nach deren Kurs haetten sie mir zuerst die Haelfte zu wenig gegeben ;-)
Halb Sieben passiere ich den letzten Grenzposten. "Take care" hoere ich noch von dem freundlichen Soldaten hinter mir und rolle langsam in das neue Land an tuerkischen TRuckern vorbei, die heut wohl nicht mehr abgefertigt werden und es sich schon gemuetlich gemacht haben. Einen bitte ich ein Bild von mir zu machen, verdruecke Salami mit Brot und ne komplette Dose Oliven, was ich noch dabei hatte und rolle dann gestaerkt ganz langsam weitere 10km an einem Fluss entlang auf guter, asphaltierter, leerer Strasse ohne Gegenwind bei fantastischem Sonnenuntergang ins Paradies;-)
Da kommt mir eine Idee. Warum nicht baden in dem Fluss. Es gibt ein paar schoene Einstiegsstellen. Das Wasser ist braun, aber nur vom schlammigen Grund, spaeter stelle ich fest, dass es sogar trinkbar ist. - rein gesprungen, untergetaucht, ein paar Zuege, gegen die starke Stroemung und ich fuehle mich wie neugeboren, nachdem ich vor 2!!! Wochen das letzte mal geduscht hatte. Ich schaffe noch 10km in der Daemmerung und finde schliesslich Unterschlupf in einem Wasserwerk, wo ich von den Waechtern noch Brot-Kartoffelsuppe und Cay bekomme und schliesslich mein Zelt gut bewacht irgendwo auf dem Gelaende aufschlagen kann...............
WAS FUER EIN TAG!!!!!!







